Israel 2011: Bethlehem (Datei 3357)

8. Tag: Samstag, 9. April 2011



Fotos unter: Facebook

GPX-Datendatei mit GPS-Daten, die über Google-Earth eingelesen werden können. Damit kann der heutige Streckenverlauf dargestellt werden.



Der Weckruf kommt um 7.30 Uhr, da bin ich schon eine halbe Stunde wach und frisch geduscht. Ich Speisesaal sind aber schon vier Leute vor mir. Der Kaffee steht auf dem Tisch, ebenso Milch und Zucker, alles andere muss man sich wieder selbst besorgen. Auffällig ist, dass es keine warmen Sachen gibt (Rührei zum Beispiel). Es gibt gekochte Eier, aber die sind eiskalt (und einen kleinen Löffel gibt es auch nicht). Ansonsten bin ich wieder neu überrascht, was man in anderen Ländern alles so zum Frühstück essen kann…

Um 8 Uhr steht der Bus vor der Tür – mit zahlreichen anderen. Die Straßen sind heute Morgen am Sabbat fast leer. Es geht vorbei am Jaffator und durch das Hinnon-Tal nach Süden Richtung Bethlehem, vorbei an der hier etwas merkwürdigen Montefiore-Windmühle. Als wir die Grenze durch die hohe Mauer in das „Gebiet A“ der palästinensischen Autonomiebehörde überfahren, werden wir nicht kontrolliert. Ein etwas mulmiges Gefühl ist es aber trotzdem. Links ist bereits das Caritas-Baby-Hospital, das wir am Mittag besuchen werden, rechts der christliche Andenken-Supermarkt, an dem unsere christlich-palästinensische Touristenführerin dazu steigt. Dani, der hinten im Bus geblieben ist, hat zwar die Erlaubnis, auch in Bethlehem zu führen, hält sich aber an die Gewohnheiten.

Zunächst fahren wir zum lateinischen Hirtenfeld auf der Anhöhe Khirbet Siyar al-Ghanan, das 1858 entdeckt und 1951 systematisch ausgegraben wurde. Hier stand ein altes Kloster im 5. Jahrhundert, rings um die Höhlen. Leider sind alle Höhlen mit Gottesdienstfeiernden besetzt, und die Franziskaner wachen darüber, dass sie nicht gestört werden. Lediglich durch die Kapelle der Verkündigung an die Hirten, in der auch eine deutsche Messe gefeiert wird, können wir am Rande durchgehen (und die Anderen stören…). Weiter unten bei den Ausgrabungen sind weitere Gottesdienststellen „in Betrieb“. Von dort aus hat man auch einen guten Ausblick in die judäische Wüste und auf die umstrittenen jüdischen Siedlungen, die sich demonstrativ von Jerusalem hinunter Richtung Bethlehem ergießen.

Der Bus bringt uns fast bis vor die Geburtskirche. Vorne wird ein Gruppenfoto gemacht, das diejenigen, die es bestellt haben, hinterher für 5 Euro kaufen können (und es war nicht schlecht gemacht). Dann müssen wir durch die 1,30 Meter hohe/kleine Türöffnung in die orthodoxe Geburtsbasilika in den schönen Kirchenraum, der oben noch Reste von Mosaiken zeigt. Im vorderen Teil der kreuzförmigen Anlage wird der Bau durch den griechisch-orthodoxen Gottesdienstraum dominiert, unter dem auch die Geburtsgrotte liegt. Diese können wir aber nicht besichtigen, weil dort noch ein orthodoxer Gottesdienst gefeiert wird. Wir stehen zwar in der Schlage vor der Grotte relativ nah am Ziel, entscheiden uns dann aber doch, erst die für 10 Uhr angemeldete Messe zu feiern – eine vielleicht falsche Entscheidung. Unseren Gottesdienst haben wir in der Zelle des heiligen Hieronymus, der hier die ganze Bibel ins Lateinische übersetzt haben soll. Der Vorteil ist, dass wir hier vor den Touristen verschont für uns sind. Der Altar steht vor der Wand, ich bin es nicht gewohnt, mit dem Rücken zum Volk zu zelebrieren, darum gibt es einige Verrenkungen.

Als wir uns nach der Messe wieder anstellen wollen, ist die Schlange der Wartenden fast durch die ganze Kirche. Unser Guide drängelt sich mit uns um die Hälfte vor, aber es kommt dabei fast zu Handgreiflichkeiten mit amerikanischen Pilgern, die auch warten müssen. Da ich schon mehrere Male unten in der Grotte gewesen bin, entscheide ich mich, am anderen Ende auf die Gruppe zu warten. Da ab und zu aber von Polizisten einzelne Personen durch den Ausgang in die Grotte hinein geführt werden und das ganze auch nicht besonders beaufsichtigt wird, schließe ich mich (wie schon einmal beim letzten Besuch) etwas dreist an und gelange ohne Schwierigkeiten in die Grotte. Das sich alles vor dem in Marmor eingelegten Stern drängt, ist im hinteren Teil fast eine meditative Stille und Ruhe, so dass man hier sogar ins Gebet kommt. Ohne Probleme kann ich von dort aus auch fotografieren oder die einige Stufen tiefer gelegene Nische mit der Krippe und dem lateinischen Altar besuchen. Später leite ich auch noch einige andere Teilnehmerinnen aus der Gruppe hier hinein, die das lange Anstellen an der richtigen Seite nicht können und aufgegeben haben. Auch sie kommen ohne Probleme von hinten in die Grotte hinein. Inzwischen gibt es aber auch ab und zu Aufseher, die weitere Versuche von Anderen unterbinden…

Durch die lateinische Katharinenkirche und den Kreuzgang des mittelalterlichen Klosters gelangen wir wieder auf den Vorplatz, wo die Gruppenfotos schon in Empfang genommen werden können. Bis zum Busparkplatz gehen wir die steile Straße hinunter. Es ist insgesamt alles etwas sauberer und freundlicher geworden als z. B. von vor zweieinhalb Jahren. Der Bus fährt uns dann zum Einkaufen in den christlichen Andenken-Supermarkt. Das Unternehmen ist zwiespältig: Auf der einen Seite leben die Leute hier zu 40 Prozent von diesen Arbeiten (!), auf der anderen Seiten brauche ich all diese Sachen nicht. Für viele gibt es hier aber schöne Andenken für die Daheimgebliebenen. Schnell bin ich als „der Pfarrer“ identifiziert (da müssen die Guides wohl gut mit den Geschäftsinhabern zusammen arbeiten!) und werden die ganze Zeit von einem Man umtänzelt und beredet, der mir die großen Teile (Grippen usw.) verkaufen will (wird auch auf Rechnung verschickt). So eine schöne große Krippe aus Olivenholz kann man schon für 8000 US-Dollar bekommen…

Nach dem Einkauf wechseln wir Bus, Busfahrer und Guide. Dani übernimmt, diesmal in einem kleineren, roten Bus der Nazareth-Express. Wir fahren zum Caritas-Baby-Hospital, ein Pflichtbesuch. Viele kennen das Kinderkrankenhaus, dass in den siebziger Jahren von einem Schweizer Pfarrer gegründet worden ist. Der neue Public-Relation-Manager, der in Deutschland studiert hat, führt uns durch das Haus, das in den letzten Jahren immer wieder erweitert worden ist. 35.000 Kinder werden hier pro Jahr versorgt, 5.000 davon stationär. Eine wichtige christliche Aufgabe, für die wir auch etwas Geld hier lassen. Das Baby-Hospital liegt direkt an der riesigen Mauer, die uns von Israel trennt. Auf der Rückfahrt kommen zwei israelische Soldaten bewaffnet in den Bus und kontrollieren auch unsere Reisepässe. Dann geht es Richtung Altstadt zum Dung- oder Mist-Tor zur Klagemauer. Am Eingang werden wir fast wie auf den Flughäfen kontrolliert und darauf hingewiesen, dass wir am Sabbat hier nicht fotografieren dürfen (Dani: Wenn ihr fotografiert, darf man es nicht sehen!). Natürlich fallen mindestens vier Leute auf, dass sie verbotenerweise fotografieren. Dann geht es zur Westmauer, die als Klagemauer als heiligster Teil des Tempelbezirks geblieben ist, nach Männern und Frauen getrennt. Die Männer müssen sich eine Kopfbedeckung aufsetzen. Wir kommen bis zum Mauer durch. Hinterher ist ein Teilnehmer nachhaltig geschockt, da er von einem Ultraorthodoxen angespuckt worden ist. Eigentlich haben wir hier nichts falsch gemacht… Obwohl ich hier schon oft gewesen bin und auch einige Hintergründe kenne, bleibt mir diese Ecke fremd.

Der Bus bringt uns wieder zum Hotel zurück. Um 18 Uhr ist bereits das Abendessen (die Alternative wäre 20 Uhr gewesen). Aber um 20 Uhr will uns Dani noch einmal durch das nächtliche Jerusalem führen. Für ihn und den (neuen) Busfahrer ist das ein Zubrot: das ganze kostet noch einmal 20 Euro. Zwischen Abendessen und Abendtour werde ich versuchen, im Foyer ins Internet zu kommen und die Berichte und Fotos zu überspielen.

Nachtrag und Hintergrundinformation aus Heft Nr. 1 (Mai 2011) "Das Heilige Land" des Deutschen Verein vom Heiligen Lande: Bespuckt und beleidigt im Heiligen Land

Bespuckt und gedemütigt in der Heiligen Stadt FAZ.NET 27.02.2010


[Artikel Nr.1857 vom 14.05.2011, Autor mw]