Dom Paulo (Datei 1545)

1996: Adveniat-Gäste kommen nach Ibbenbüren!

Ringe der Solidarität

Brasilianer(innen) waren zu Gast in St.Ludwig


Ibbenbüren. Dom Paulo (65) hat sich müde auf den Stuhl gesetzt, während sich die anderen Brasilianer(innen) angeregt mit den Gemeindemitgliedern von St.Ludwig unterhalten. Der Erzbischof hat sich die Schuhe ausgezogen und genießt es, seine rotbesockten Beine lang auszustrecken. „Das ist das erste Mal seit über einer Woche, daß es etwas lockerer zugeht“, übersetzt Stefan Salzmann, evangelischer Pastor in Westerkappeln, der mit seinen Brasilianischkenntnissen als Dolmetscher aushilft.

Für zwei Wochen ist die zehnköpfige Musikgruppe „Mandacarú“ aus Teresina im Nordosten Brasiliens zusammen mit zwei Bischöfen Gast von ADVENIAT, der bundesweiten katholischen Aktion für die Kirche in Lateinamerika. In dieser Zeit stehen 25 Städte auf dem Besuchsprogramm, im Zentrum Münster, wo am vergangenen Sonntag die Weihnachtsaktion eröffnet worden ist. Da drei Frauen zufällig aus der Partnergemeinde von St.Ludwig kommen, ist die Pfarrgemeinde kurzfristig in die elfseitige Veranstaltungsliste aufgenommen worden. Die Begrüßung durch den „Arbeitskreis Teresina“ ist überaus herzlich; man kennt sich.

Die Helferinnen der Frauengemeinschaft haben zunächst zu Tee und Schnittchen eingeladen. „Wir haben uns besonders darüber gefreut, daß heute einmal die Frauen zum Zuge kommen“, begrüßt Werner Klar, Referent bei ADVENIAT, und erntet dafür Zustimmung von allen Seiten. Sechs Dolmetscher(innen) verteilen sich auf die Runde, damit der Austausch auch beim Essen klappen kann. Monika Thiele, gebürtige Brasilianerin und verheiratet in Laggenbeck, kommt jedoch kaum zum Zuge, da der Erzbischof für sich selbst sprechen kann. Während seiner Studienzeit in Rom hat er sich das gute Deutsch autodidaktisch beigebracht.

Während sich die Frauen mit den Gästen in Kleingruppen aufteilen, bespricht Pastor Martin Weber zusammen mit dem Bischof und dem Leiter der Musikgruppe die Messe. Padre Pedro ist der geistliche Begleiter des Priesterseminars in Teresina und hat die übergemeindliche Gruppe für diese Reise zusammengestellt. Dom Paulo macht alles mit. Er hat vor zwei Wochen in einem Sportstadion in São Luís im Bundesstaat Maranhão mit 4000 Menschen sein 25-jähriges Bischofsjubiläum gefeiert. Ob er die für Bischöfe übliche Arbeitszeit bis zum 75. Lebensjahr noch gesundheitlich schafft, bezweifelt er. „Aber wir haben zur Zeit in Brasilien zu wenig fähige Nachfolger für uns. Sie sind entweder zu jung oder zu alt...“.

Während der Messe ist der unscheinbare Erzbischof in seinem Element. Vor einer engagierten Gemeinde nimmt er geschickt Bezug auf den „Roten Punkt“ von St.Ludwig und spricht dann weit gestikulierend von der inzwischen fast schon geschichtsträchtigen „Option der Kirche für die Armen“, wie er sie als Mitglied der lateinamerikanischen Bischofskonferenz vor über 20 Jahren mitformulieren konnte. Der brasilianischen Musikgruppe gelingt es nahezu mühelos, durch die rhythmischen Gesänge selbst eingefleischte Westfalen zum Mitklatschen zu bewegen. Antonio, verheirateter Gitarrenspieler, stellt seine eigene Komposition vor. Während er hier zu Besuch ist, müssen er und seine Familie zuhause auf sein Einkommen verzichten. Die Kollekte ist darum für die Gäste. „Ihr seid die ersten, die uns überhaupt etwas mitgeben...“. Daß die Messe durch die Zweisprachigkeit und ausgiebigen Gesänge fast eineinhalb Stunden dauert, fällt kaum auf.

Einige Gemeindemitglieder gehen nach dem Gottesdienst noch einmal zum Gespräch ins Pfarrzentrum. Elisabeth Freitag, Mitarbeiterin von ADVENIAT und Wahl-Brasilianerin, übersetzt in der Küche für eine Gruppe von Frauen. Warum er, Roberto, und die anderen diese Holzringe an den Fingern hätten. „Das ist bei uns ein kleines Zeichen für ehrenamtliche Mitarbeit in den Basisgemeinden“, erklärt er. Martha Bärtels, Teamsprecherin der KFD in St.Ludwig, bestellt sofort 100 Stück, „aber etwas größer. Wir haben Arbeitshände“. Pro Ring wird Roberto etwa zwei Stunden beschäftigt sein. Normalerweise bekommt er dafür umgerechnet 1,50 DM...

Bevor die Gruppe Ibbenbüren verläßt, bekommen die Gäste noch eine Nikolaustüte überreicht. Mit einem weiteren Vorgriff auf die feste verabschieden sich die Partner: „Stille Nacht, heilige Nacht“ auf brasilianisch und deutsch gesungen.
[Artikel Nr.742 vom 07.01.2007, Autor mw]