Elternhaus eines Straßenkindes (Datei 1533)

1995: Erster Besuch in Teresina



Zwischen dem 13.7.1995 und dem 11.8.1995 waren teilweise bis zu 10 Personen zu Besuch in unserer Partnergemeinde Teresina in Brasilien, um einen Besuch der Brasilianer vom letzten Jahr zu erwidern. Einige dieser Personen berichten hier von ihren Eindrücken. In Einzelnen sind es aus unserer Gemeinde: Adelheid Backhaus, Anne Bußmann, Beate und Christa Hüttl (vier Wochen) und Martin Weber (drei Wochen). Gerborg Meister vom Comenius-Kolleg Mettingen war 13 Tage in Teresina, Ulla und Franz-Josef Mehring aus Laggenbeck 11 Tage. Für 10 Tage kam Pfarrer Norbert Happe, ein Kurskollege von Martin Weber und seit einigen Jahren in Mexiko tätig, zusammen mit Pablo Ramos Castanon noch dazu.



Bericht über den Besuch in Teresina 1995 (PDF-Datei mit 46 Seiten und 77 Bildern, 2,8 MB)



Hier einige Auszüge aus dem Tagebuch:

Sejam bem vindos a Teresina
von Christa Hüttl

"Herzlich willkommen in Teresina", mit diesem Satz begrüßte uns nach der ca. 38-stündigen Anreise am Donnerstag, 13.07.95 , 23.25 Uhr eine große Delegation im Flughafen von Teresina. Nicht nur die bekannten Freunde, die uns im letzten Jahr besucht haben, sondern noch viele andere Menschen, die wir im Laufe der vier Wochen unseres Besuches noch näher kennenlernen sollten. Es war ein überwältigender Empfang und die Strapazen der Reise und die noch fehlenden Koffer waren zunächst einmal vergessen.
Wir wurden dann nach Cafarnaum, ca. 15 km von Teresina entfernt, gebracht , wo wir gemeinsam in einem Landhaus untergebracht waren. Auf den täglichen Fahrten in die Stadt mußten wir uns dann an den fast gesetzfreien Verkehr gewöhnen. Daß das Autofahren zu einem der größten Abenteuer unserer Reise wurde, hatten wir uns vorher auch nicht träumen lassen.

Nach einem Ruhetag im "Paradies" Cafarnaum, begann dann unser Programm. Dicht gefüllt erlebten wir jeden Tag eine Fülle von bedrückenden, kontrastreichen, abenteuerlichen und schönen Eindrücken. Mit zu den bedrückendsten Erlebnissen gehört der Besuch in den Favelas. Rund um Teresina gibt es ca. 150 solcher Armenviertel. Raimunda, den meisten noch vom Besuch im letzten Jahr bekannt, sie lebt selbst dort, führte uns einen Tag durch Planalto. Hier leben viele Menschen im Elend, vor allem in den Gebieten, die nicht an das Versorgungsnetz der Stadt angeschlossen sind. Beeindruckend war jedoch gerade in dieser Gegend im Gegensatz zum äußeren Elend die Herzlichkeit, Fröhlichkeit und Offenheit der Menschen. Hier begegnete uns eine Gastfreundschaft, die uns oft beschämte. Überall wurden wir in die Häuser eingeladen und die Menschen freuten sich riesig, wenn wir ihre Einladung annahmen und ein Glas Wasser tranken.

Besonders eindrucksvoll waren in dieser Gemeinde Planalto (eine von vier Gemeinden, die zur Mutterkirche Paroquia Nossa S. de Fatima gehören) die Gottesdienste.

Stolz wiesen uns die Menschen immer wieder auf die Sachen hin, die in den vergangenen Jahren mit Mitteln aus St. Ludwig erstellt wurden. z.B. den Brunnen zum Bewässern einer Gartenanlage, ein Gemeinschaftszentrum und einen Kindergarten.

Zwei Tage verbrachten wir in der "Escola Aberta", die ja seit einem Jahr von unserer Gemeinde mitfinanziert wird. Hier konnten wir miterleben, wie die Arbeit der Mitarbeiter dort aussieht. Von 8 Uhr bis nach dem Mittagessen werden hier Kinder und Jugendliche betreut. Die Kinder erhalten hier Hilfen um in der nachmittäglichen Schule mitzukommen. Sie lernen, wie sie sich pflegen können, Zähne putzen usw., und sie bekommen hier ihr Mittagessen. (Für viele von den Kindern ist es die einzige Mahlzeit, die sie am Tag bekommen) Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist die Zusammenarbeit mit den Familien. An einem Nachmittag besuchten wir die Familien von einigen der Straßenkinder. Auch hier erfuhren wir, daß häufig mehr als 10 Personen, oft auch vier Generationen, in so einer Hütte leben müssen.

Da in der Escola Aberta zur Zeit nur Jungen betreut werden, kam uns direkt die Frage: "Wo sind denn die Mädchen?" Eine Antwort darauf erhielten wir dann später, als wir die Projekte für die Prostituierten kennenlernten. Die Mitarbeiterinnen der beiden Einrichtungen erklärten uns, daß Mädchen kaum auf der Straße leben, selbst wenn sie sich prostituieren, leben sie meistens zu Hause und müssen dort von ihrem "Verdienst" zur Finanzierung der Familien beitragen. In einer dieser Einrichtungen können die Mädchen, die oft noch keine 10 Jahre als sind, sich ausruhen, sich pflegen, essen und mit den Mitarbeiterinnen reden. Diese sorgen auch für die medizinische Betreuung der Mädchen. Eine zweite Einrichtung nimmt Mädchen auf, die aussteigen wollen. Da dieses häufig mit einem Bruch mit den Familien einhergeht, ist ein besonderer Schutz notwendig.

Im Laufe der Wochen lernten wir noch viele Einrichtungen und Projekte kennen, die den Menschen in den unterschiedlichsten Notlagen helfen, wie z.B. ein Zentrum für Leprakranke, ein Haus für Aidskranke, Gesundheitszentren. Projekte, in denen Frauen und Straßenkinder Artikel zum Verkaufen herstellen, wie z.B. Hängematten, Sandalen, Brot, Gebäck, Eis usw. dienen dazu, daß sie etwas Geld in die so schmalen Haushaltskassen der Familien einbringen.

Ein weiteres besonderes Abenteuer war unsere dreitägige Fahrt in das Landesinnere. Die Schönheiten dieses Landes lernten wir kennen auf einer dreitägigen Fahrt an den Strand und in unserem Landhaus Cafarnaum.

Viele eindrucksvolle Begegnungen mit Menschen machten die Wochen zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Wir erlebten nicht nur den kulturellen und sozialen Unterschied zwischen Europa und Brasilien, sondern auch den widersprüchlichen und scheinbar kaum zu überbrückenden Unterschied von Reich und Arm in Teresina. Er geht dort auch quer durch die Kirchengemeinde. Wir sind überzeugt davon, daß unsere Hilfen, die nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein können, hier gut angelegt sind, und die Freundschaft zwischen unseren Gemeinden sich durch die Besuche verstärkt hat.



Daniel, ein Straßenkind in der "escola aberta" in Teresina
von Adelheid Backhaus

Er wirbelt durch die Räume, mit nacktem Oberkörper, barfuß, mit sperrigem Haar, immer ein breites Lächeln im Gesicht: Daniel, 12 Jahre alt, genannt "Bisqui" (auf deutsch Biskuit) - hier haben alle Jungs einen Spitznamen, warum, das wissen sie nicht.
Den Jungen kenne ich doch! Ja, gestern in der Abendmesse in der Kirche Matriz nebenan lag er auf einer Seitenbank und schlief, und keiner störte sich daran.

Er ist ein sehr verhaltensauffälliges Straßenkind, von denen bis zu 50 Jungen täglich vormittags die "escola aberta", die offene Schule in der Gemeinde Nossa Senhora de Fátima besuchen.

Vor einem Jahr richtete Padre Tony Batista, der Pastor dieser Gemeinde, der uns im letzten Jahr mit vier seiner Gemeindemitglieder hier besuchte, diese Straßenkinderschule ein. Fünf ihrer Erzieher/innen werden seitdem mit Hilfe unserer Gemeinde mit einem Mindestlohn (entspricht ca. 130 DM) bezahlt. Da ist Val, die Koordinatorin, klein, drahtig, bestimmt. Sie empfängt uns, zeigt uns die Schule und stellt uns einige weitere Erzieher/innen vor: eine Sozialarbeiterin, eine Freiwillige, eine für die Alphabetisierung zuständige Lehrerin, eine Familienberaterin, die in und mit den Familien der Straßenkinder arbeitet, einen Streetworker, Lehrerinnen für Mathematik, Kunst, Sport und Hygiene und die Köchin Raimunda.

Sport ist hier ein beliebtes Fach. Einige der Lehrer/innen führen uns um den Häuserblock herum zu einem in praller Sonne gelegenen "Sportplatz", einem etwa 60 cm höher liegenden Betonplatz mit zwei Toren, von hohen Mauern umgeben, mit einem einzigen schattenspendenden Baum. Von dort aus schauen wir dem Fußballspiel der Jungen zu. "Dieser Platz würde für deutsche Kinder als zu gefährlich gesperrt werden", geht es mir durch den Kopf. Aber hier gelten andere Maßstäbe. Die Jungen spielen schweißtriefend, barfuß, in farblich unterschiedlichen T-Shirts. (Wie gut, daß wir keine Trikots und Fußballschuhe aus Deutschland mitgebracht haben, wie zunächst geplant war!)

Wir erfahren, daß dieses Spiel extra für uns stattfindet, daß überhaupt dieser Tag heute zu unseren Ehren gestaltet wird. Eigentlich sind ja Ferien, aber die offene Schule ist auch dann geöffnet.

"Bisqui" strahlt uns an. Er hat gerade ein Tor gehalten. Er ist ein guter Torwart. Seine Mannschaft gewinnt. Alle gratulieren ihm. Sein Lachen wird noch breiter. Zurück in der Schule ist jetzt Zeit zum Duschen, wie jeden Tag. Die Jungen werden in der Hygiene, besonders in der Zahnpflege, sorgfältig unterrichtet.

Nun habe ich Zeit, Val zu interviewen. Sie erzählt Daniels Lebensgeschichte:

Er kommt gern zur offenen Schule. Hier bekommt er sein Essen, hier ist er einen halben Tag lang sicher vor den Kumpels auf der Straße, die ihn als "lästigen Floh" am liebsten beseitigen würden. Er hat seinen Vater nicht kennengelernt, seine Mutter hat ihn zunächst verlassen, da sie noch 11 weitere Kinder hat und mit Daniel nicht fertig wurde. So lebte er schon früh auf der Straße, wo er Drogen und Kriminalität kennenlernte und sich mit Aggression und Gewalt durchschlug. In letzter Zeit lebt er manchmal bei seiner Mutter, aber es geht nicht lange ohne Streit bei ihnen, und dann haut er wieder ab. Seine Mutter arbeitet in einem schmuddeligen Kiosk an der Ecke. Einmal führt er uns stolz zu ihr, auch sie scheint stolz auf ihn zu sein. Ist das einer der friedlichen Momente?

In die Staatsschule - im Unterschied zu den vielen Privatschulen für die reichen Kinder - geht Daniel nicht, weil er dort nicht zurechtkommt. Der Überlebenskampf hat Vorrang vor der Schule. Im Lehrplan werden weder das Lebensumfeld noch sein Lernrhythmus berücksichtigt. Er kann sich nur schlecht konzentrieren oder still sitzen, kann sich kaum an Regeln halten und besitzt erst recht keine Ausdauer, außer im Sport. Bekannt als Schläger, so will ihn keiner, er wird für schulunfähig gehalten. Er hat keinen Freund. Es gab da mal einen Erzieher, dem er sich angeschlossen hat. Heute haben die Lehrer/innen kaum Einfluß auf ihn, jedoch wird er von den anderen Jungs hier akzeptiert, wenn er sich auch oft mit ihnen streitet und sich erst nach längerer Zeit wieder vertragen kann.

Essenszeit! Alle Kinder setzen sich in die Marienecke. Val hält eine kurze "Rede", erzählt, was heute gut war, was im Programm noch folgt und wofür sie danken wollen. Alle beten und stürmen dann in den Eßraum. Sie bekommen das Essen aufgeladen, alle gleich viel, einen Teller hoch voll mit Reis und Bohnen, gebratenen Hähnchenteilen, etwas Gemüse, gefiltertes Wasser dazu. Sie essen sichtlich mit Genuß.

Am Nachmittag packen wir unsere Geschenke aus Deutschland aus: Jongliersachen, wie bunte Tücher, Teller und Bälle, Jonglierringe und Dominos. Begeistert beginnen sie nachzumachen, was wir ihnen vormachen. Alle sind eifrig dabei. Bei einigen läßt der Eifer jedoch nach, als sie merken, wie schwer Jonglieren ist und wieviel Geduld es braucht. Zwei oder drei Kinder schaffen es schließlich, mit drei Bällen in der Luft zu spielen. Stolz und neuer Eifer kommen auf.

Nun geht das vorbereitete Programm der Jungen weiter. Die zwei Mannschaften wetteifern um Punkte, die wir als Jury erteilen sollen: für eine selbst gestaltete Begrüßung der Deutschen, für ein einstudiertes Bibeltheater, einmal "Der gute Samariter" und zum anderen "Der verlorene Sohn", für einen selbstentworfenen Slogan zur sportlichen Anfeuerung, für eine Darstellung ihrer Zusammenarbeit in der Gruppe, etc. Die "Animals" siegen vor der Gruppe "Christo Rei". Ein Pokal und ein Gruppenfoto sind die Belohnung.

"Bisqui" strahlt wieder, er hat durch seine Torwartqualitäten seine Mannschaft zum Sieg geführt. Erfolg und Bestätigung tun ihm sichtlich gut.

Normalerweise ist diese Straßenkinderschule am Nachmittag geschlossen, weil dann die Kinder zur Staatsschule gehen sollen. (Alle Schulen arbeiten in zwei Schichten.) Am Morgen kommen die Jungen hierher, weil sie nicht auf der Straße sein möchten, weil sie hier etwas zu essen bekommen, und dann auch, weil die Erzieher/innen versuchen, mit ihnen die Hausaufgaben zu machen und die festgestellten Lerndefizite aufzuarbeiten. Auch basteln und gestalten sie mit dem wenigen Material, das sie haben, z.B. Stockpuppen, weil sie durch das Spiel mit diesen Puppen eher zum Sprechen und Verarbeiten ihrer Lebenssituation bereit sind als ohne Medium.

Einige dieser Jungs können lesen und schreiben, Daniel jedoch nicht. Er malt als erstes das Ambulanzauto, mit dem er wohl schon Erfahrungen gemacht hat.

Auf meine Bitte hin zeichnet er ein Selbstportrait, zunächst ohne Ohren und ohne Mund (!), dann, als Val es laut bemerkt, einen zähnezeigenden Mund und Ohren mit Ringen. Wie selbstverständlich zeichnet er sich ohne Hemd.

Er ist stolz, daß er in mein Heft malen darf, schämt sich aber, als er seinen Namen dazuschreiben soll. Überhaupt ist er erstaunt, daß wir ihn so oft fotografieren und ihn besonders beachten. Er schließt sich Anne an, einer Jugendlichen aus unserer Gruppe. Neben ihr sitzt er, als ein Video zum Thema "Keine Gewalt" gezeigt wird. Hoffentlich läßt er sich nicht zu sehr ein, denn wir verlassen ihn ja auch wieder. Zum Schluß bekommt jeder eine schwarze Schirmmütze und ein violettes T-Shirt aus Deutschland geschenkt. Stolz verabschieden sie sich und verlassen die Schule.

Wohin gehen sie? Nach Hause. Das Zuhause ist eine kleine Favela-Hütte, die oft von 10 - 15 Personen bewohnt wird, für längere Aufenthalte und zum Anfertigen von Schulaufgaben oder für Familiengespräche viel zu klein. Einige schlafen zu Hause, andere auf der Straße. Daniel muß mit dem Bus, mit dem Kinder bis zu 9 Jahren umsonst fahren dürfen und er als Zwölfjähriger ausnahmsweise auch noch, an den Stadtrand fahren, wenn er nach Hause will.

Er schläft irgendwo, hat auch schon geklaut, war schon einmal im Gefängnis, hat draußen auf der Straße immer Angst.

Was wird aus ihm und aus den anderen? Mit 17 Jahren müssen sie die "escola aberta" verlassen. Wenn sie Glück haben, können sie in einem kirchlichen Projekt arbeiten, z.B. in einer Bäckerei, die neben der Kirche und der "escola aberta", von UNICEF unterstützt, gebaut wurde. Oder sie müssen als Eis- oder Süßigkeitenverkäufer oder Schuhputzer versuchen, ihr Leben zu erhalten. Die Stadt bemühe sich, Arbeitsplätze zu schaffen, sagt man. Viele Arme wohnen jedoch am Stadtrand. Sie müssen mit dem Bus zur Arbeitsstelle fahren, der aber für sie sehr teuer ist und eine große Menge des Mindestlohnes verschlingt. Das geben die meisten sehr bald auf.

Es erstaunt mich immer wieder, mit wie wenig die Kinder zufrieden sind, mit welch kleinen Dingen wir ihnen eine Freude machen können, und sei es nur durch unseren Besuch und unser Interesse an ihnen. Dieses offene, freundliche, von "alegria", Lebensfreude, geprägte Verhalten der Brasilianer grenzt für mich an ein Wunder.



Mädchen in Teresina
von Adelheid Backhaus

Mit Handarbeiten (hier Sandalen zusammennähen) verdienen sich die Frauen ein paar Mark. Die Escolas Abertas in Teresina betreuen keine Mädchen , nur Jungen. Laut Statistik werden in Brasilien 6 Mädchen geboren, wenn 1 Junge zur Welt kommt. Wo sind diese Mädchen? Diese Frage tauchte schon in Deutschland auf, und wir haben sie mit nach Teresina genommen.
In den Kirchen bestätigt sich diese Statistik. Viele Frauen und Mädchen besuchen die Gottesdienste, sind als Sängerinnen, in Orchester, als Lektorinnen, Meßdienerinnen und hinter den Kulissen in der Meßvorbereitung, der Katechese und in anderen Gruppen tätig, natürlich ohne Lohn.

Wir besuchen viele Gemeinden. Dort sitzen die Mädchen in Scharen vor uns, im Gemeindesaal, der oftmals mit Schulbänken ausgestattet ist. Auch hier Nachhilfe und schulische Stärkung als Ausgleich für die pädagogisch und in der Ausstattung schlechten Staatsschulen. Wenn sie den Schrank öffnen, so quellen Mengen von Handarbeiten heraus, Stickereien, Makrameearbeiten, Häkelspitzen, die selbst von 9-jährigen Mädchen geschickt angefertigt und für einen Spottpreis verkauft werden. Der Markt ist allerdings gesättigt, weil alle Mädchen und Frauen durch Handarbeiten ein paar Reals verdienen wollen, aber nur wohlhabende Leute (10% der Bevölkerung) die Waren kaufen können.

Gibt es keine gefährdeten Mädchen, Straßenkinder, so wie es sie unter den Jungen so zahlreich gibt? Wir erfahren, daß die Mädchen, wenn sie denn gezwungen sind, Geld für ihre Familien zu verdienen, immer wieder nach Hause gehen und noch in ihren Familien und nicht auf der Straße wohnen. Natürlich gibt es traurige Ausnahmen. Auf einem großen Platz mit angrenzendem Stadtpark können wir sie finden. Erkennungszeichen: Thermosflasche mit Kaffee. Teilweise von ihren Eltern gezwungen, müssen sie sich hier prostituieren. Verdienst ab 5 Real (das sind etwa 6,50 DM).

Es sind Mädchen ab 10 Jahren dabei, zwei etwa 15-jährige sichtbar schwanger.

Wer kümmert sich um ihr Schicksal? fragen wir und denken dabei an die sozialen Angebote, die den Jungen z. B. in den offenen Schulen bis zum 17. Lebensjahr gemacht werden.

Wir besuchen ein Haus, das von Schwestern geführt wird. Schwere Riegel werden aufgeschlossen, so müssen einige Mädchen, die dem Druck ihrer Eltern und der Prostitution entfliehen wollen, vor ihren Eltern geschützt werden. Ein 11-jähriges Mädchen, klein und kindlich, wurde von ihrer Mutter so geschlagen, daß sie hierher geflüchtet ist. Ein anderes wackelt ständig mit dem Kopf, ist sichtlich gestört. Als wir ein Foto machen wollen, zucken alle zusammen. Die Schwestern erklären uns die Scheu der Mädchen vor Kameras mit deren Erfahrungen mit Prostitutionsfotos.

Es gibt auch ein sogenanntes Durchgangshaus, das auch dort von der Kirche eingerichtet wurde. Es sind gerade 3 Prostituierte anwesend, zwei 14-jährige, eine 21-jährige, die sich nach einer Zeit der Prostitution zur Sozialarbeiterin ausbilden ließ und heute Straßenmädchen betreut und also weiß, wovon sie spricht. In diesem Haus werden den Mädchen Gespräche, Duschen, Unterweisung in Hygiene und Gesundheit, Essen und Beschäftigungen angeboten. Zum Schlafen gehen sie nach Hause oder auf die Straße.

Hier treffen wir die Schwester der 11-Jährigen aus dem geschlossenen Haus. Sie befolgt also brav den Befehl ihrer Eltern, durch Prostitution Geld zu verdienen. Als sie sich ein bißchen mit mir angefreundet hat, setzt sie sich bereitwillig mit der Sozialarbeiterin zu mir, nimmt eine selbstgebastelte Stockpuppe und erzählt die Geschichte dieses Mädchens, wie es zum ersten Mal auf die Straße geschickt wurde , dort allein mit allen Gefahren und dem ständigen Hunger zurechtkommen mußte, die Eltern ihr aber eine "Frucht" mitgegeben hatten, die, als sie sie aß, einen Wurm enthielt. Diesen Wurm habe sie jetzt für immer in sich.

Es braucht nicht viel Phantasie, diese Geschichte auf sie selbst und ihr jetziges Leben zu beziehen... Wenn die Mädchen "Glück" haben, können sie als Hausangestellte bei den Wohlhabenden arbeiten und bekommen oft nicht mehr als einen Mindestlohn von umgerechnet 130 DM, müssen dafür aber von morgens bis abends zur Verfügung stehen, auch an Wochenenden.

Soweit meine sicher in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes nur unvollständige Antwort auf die Frage nach dem Leben der Mädchen in Teresina.

Die meisten sind schön, haben große, dunkle Augen, dunkles Haar, glatt, gewellt oder kraus, eine gute Figur, eine schöne braune Haut, so wie wir sie uns wünschen, wenn wir aus dem Urlaub kommen. Als Frauen sind sie stark, erhalten in vielen Fällen ihre große Familie mit bis oft zu 10 Kindern oder mehr, auch wenn der Ehemann und Vater trinkt oder das Weite gesucht hat, weil seine patriarchale Psyche die Härte des Lebens der armen Bevölkerung nicht ausgehalten hat.

Auch Padre Tony stellte oft die Stärke der Frauen Brasiliens heraus. Ohne sie wären die Familien kaputter und die Kirche ohne weibliche Verkündigung.

Vielleicht ist die Statistik 1 : 6 Frauen ja auch eine Hilfe Gottes für Brasilien.



Teresina: Bäckerei (Datei 322) Centro de Promocão Alimentar São José
von Christa Hüttl

Bereits am 1. Abend fiel uns im Vorbeigehen zur Hauptkirche an einem Nachbarhaus das Zeichen von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, auf und machte uns neugierig, was sich dahinter wohl versteckt.
Zunächst entdeckten wir in diesem Gebäude einen schönen großen Verkaufsraum einer Bäckerei und Konditorei. Brot und Brötchen gab es in verschiedenen Sorten und Gebäck und Torten. Bei unserem Besuch der verschiedenen Projekte der Diözese erfuhren wir dann Näheres.

Bei diesem Zentrum handelt es sich um ein Projekt des Referates Gesundheitsvorsorge der Diözese Teresina. In diesem Gebäude ist eine Brotbäckerei mit angeschlossener Lehrküche untergebracht. Die Großgeräte für die Bäckerei sind mit einer Spende von UNICEF finanziert worden. Hier arbeiten bis zu 10 Straßenkinder, wenn sie im Alter von 17 Jahren die Escola Aberta verlassen müssen, unter Anleitung. Täglich werden ca. 4.000 Portionen Brot gebacken, die zum Teil direkt verkauft werden im Laden und ca. 1.000 Portionen die über die anderen Projekte direkt an Kinder verteilt werden.

Es gibt sowohl normales Brot zu kaufen, aber auch "Integral"-Brot. Diesem Brot werden nach den neuesten Erkenntnissen der Ernährungswissenschaft zusätzliche Vitamin- und Calciumspender hinzugefügt, um den ernährungsbedingten Krankheiten entgegenzuwirken. Hierzu werden z.B. getrocknete Schalen von Früchten und Eiern zerkleinert und gemahlen. Gleichzeitig werden somit viele sogenannte Abfälle wieder in den Lebensmittelkreislauf integriert.

In der angeschlossenen Lehrküche werden jedes Jahr über 300 Frauen in Wochenkursen in gesunder Ernährung geschult und als Multiplikatoren in den Gemeinden eingesetzt.

Durch den freien Verkauf der Bäckereiprodukte und Büfetts der Lehrküche trägt sich die Einrichtung selbst und wirft für jeden Mitarbeiter auch noch einen kleinen Gewinn ab.
[Artikel Nr.217 vom 04.12.2008, Autor mw]