Mit dem Rollstuhl ins Schnupperlager

Der Zeitungsbericht aus dem Jahr 1996:

Vor der Rutsche steht ein verlassener Rollstuhl. Der zehnjährige Lars hat sich um den Hals seines Betreuers „Werthi“ geschlungen und wird den Holzturm hochgehievt. Oben kann er sich am Gitter festhalten und eigenständig stehen. Dann läßt er sich an den Rand der Rutsche setzen und saust mit lautem Geschrei nach unten. Lars ist zum zweiten Mal mit dabei. „Die Kinder haben keine Probleme mit seiner Behinderung, er ist überall integriert“, resümiert Lagerleiterin Elke Reekers.

Die Idee eines „Schnupperlagers“ war im letzten Jahr als mutige Neuerung in St.Ludwig geboren worden. Jüngere Kinder sollen in einer kürzeren Zeit und kleineren Gruppen ans Lagerleben herangeführt werden. Die Mädchen und Jungen sind sieben bis zehn Jahre alt. Zwölf sind schon das zweite Mal mit dabei. Wie im letzten Jahr auch fünf Kinder der Asylsuchenden vom Werthmühlenplatz.

Die Lageraktivitäten orientieren sich an den Erfahrungen der größeren Fahrten: Stations-, Kapitäns- und Wiggelspiel, Blinker- und Geisterrallye, Arbeitsgemeinschaften mit Bastelangebot und viel Freizeit. „Die Kinder können stundenlang frei spielen und fordern nicht so viel Programm ein“, meint „Minni“ Martin, Ehemann der Lagerleiterin. Abends wird vor dem Schlafengehen um 21 Uhr immer noch eine Geschichte vorgelesen. „Am Ende sind die alle im Tiefschlaf“, meint Betreuer Tobi. Die „Mr. und Mrs. Buurse Wahl“ entscheiden Luisa Derhake und Domenik Breuer für sich.

Buurse ist ein kleines Dorf neun Kilometer westlich von Haaksbergen. Wenn Annette und Peter frische Sachen für die Küche einkaufen müssen, fahren sie schnell über die grüne Grenze nach Alstätte: der deutsche Ort liegt näher als die niederländische Stadt. „Die Kinder essen Super“, meinen sie, „viel mehr als im letzten Jahr!“ Als Pastor Martin Weber und einige Betreuerinnen des großen Nachfolgelagers in der Woche zu Besuch kommen, gibt es Hamburger, Pommes und Waffeln. Es ist Lagerkirmes, und auch die holländischen Kinder des unmittelbar angrenzenden Campingplatzes sind dazu eingeladen. Viele Familien nehmen dieses Angebot gerne wahr. „Warum kommen die alle und essen unsere Süßigkeiten weg!?“, meint ein Stöpsel. „Weil sie unsere Nachbarn sind!“, bekommt er als Antwort. Am Abend ist das Lager zu Gast am Lagerfeuer der Niederländer, und es gibt selbstgemachtes Stockbrot. In einem kleinen Gottesdienst stellen die sechs Gruppen ihre Erlebnisse und Wünsche vor.

Der Campingplatz „De Meene“ hat seit 1932 eine lange Tradition. Heute wird das Haus, in dem die Kinder untergebracht sind, von einer Stiftung für Jugendarbeit verwaltet. Neben einem großen Tagesraum und einer gut eingerichteten Küche gibt es drei Schlafräume für die Kinder, einen gemütlichen Innenhof und eine große Spielwiese mit viel Wald dahinter. Für die mitgebrachten Fahrräder ist eigens ein Raum im Keller vorgesehen.

Das Wetter war während der Fahrt sehr gut. Lediglich einmal hat es kurz geregnet. An Unternehmungen steht noch die Mini-Playback-Show und das große Fußballspiel Kinder gegen Betreuer(innen) aus. Vielleicht geht es auch noch einmal mit dem Fahrrad zum Schwimmen im acht Kilometer entfernten Badesee.


[Artikel Nr.289 vom 08.02.2006, Autor li]