Sinusstudie: Lebenswelten (Datei 1583)

Pfarrgemeinderat berät über Gemeinde-Milieus



Der Pfarrgemeinderat hat sich nun schon mehrmals mit der Pilotstudie „Zur Religiosität und Kirchlichkeit in den Sinus-Milieus 2005“ (Auftraggeber war die Deutsche Bischofskonferenz) beschäftigt. Sie liefert fundierte Hypothesen unter anderem zur Wahrnehmung der katholischen Kirche in den Milieus und zu den Erwartungen der Milieus an die katholische Kirche.

Die Studie dokumentiert einerseits die Nähe und die Distanz zwischen der katholischen Kirche und den einzelnen Lebenswelten. Sie dokumentiert andererseits aber vor allem die Chancen der katholischen Kirche, Menschen aus allen Lebenswelten mit ihrer Botschaft zu erreichen.



Thomas Becker von der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz in Hamm hat uns dazu drei Beiträge zur Verfügung gestellt.

Sinus-Milieus (Datei 1611) Zur Arbeit mit dem sozialwissenschaftlichen Instrument Sinus-Milieus – Erfahrungen und Reflexionen (Auszug siehe unten)

Milieustrukturen in den Altersegmenten 14-19, 20-24, 30-45 und 50+ sowie Unterschiede nach Konfessionszugehörigkeit (katholisch, evangelisch, keine Konfession)

Religiöse und kirchliche Orientierungen in Deutschland (Ist-Positionierung der Katholischen Kirche in Deutschland, Idealbilder von Kirche, Erwartungen der Milieus an Pfarrgemeinden / an Priester, detaillierte Aufschlüsselung nach den einzelnen Milieus; 3,7 MB!)

Milieus: Übersicht Charakterisierung (Datei 1612) Wolfgang Pohle hat eine Übersicht "Zusammenstellung der Sinus-Milieus – Kurze ausgewählte Charakterisierung" erstellt

Auszug aus dem Schneckenhaus (Datei 1629)



Über die Arbeit unseres Pfarrgemeinderates haben auch die Kirchenzeitung "Kirche und Leben" sowie der Online-Auftritt des Bistums Münster "kirchensite" am 25.01.2007 berichtet:
Auszug aus dem Schneckenhaus



Auszug:

4. Erkenntnisse aus der Arbeit mit dem Instrument „Sinus-Milieus“ für die Arbeit in Diözesen und Gemeinden

Aus der sozialwissenschaftlichen Außenperspektive der Sinus-Milieus ist die zentrale Fragestellung die nach der gelingenden Kommunikation zwischen der katholischen Kirche mit Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten. Ich möchte eine Antwort entlang einer Empfehlung des Instituts Sinus Sociovision für eine andere Institution skizzieren.

Vor einigen Jahren hat die Commerzbank dem Institut die Frage gestellt: Wie können wir die jungen Milieus der „Generation C“ – Moderne Performer, Experimentalisten und Hedonisten – erreichen, wie sollen wir sie ansprechen? Auf der Basis einer ausführlichen qualitativen Studie mit Einzel- und Gruppeninterviews empfahl das Institut:

  • 1. Bemühen Sie sich, die Menschen in diesen Lebenswelten zu verstehen, ihre Lebensziele und -stile, ihre Sprachen und ihre Symbole
  • 2. Biedern Sie sich den Menschen in diesen Lebenswelten nicht an, denn
  • – das wirkt auf diese nur peinlich und lächerlich
    – Sie werden in diesen Milieus als Institution aus einer anderen Lebenswelt wahrgenommen
    – Sie stehen als Commerzbank für die Menschen auch in diesen Lebenswelten für einen seriösen Umgang mit ihrem Geld, und auch Hedonisten geben ihr Geld nicht an Banken, die „genauso flippig sind wie sie selbst oder wie MTV“
  • 3. Suchen Sie den Kontakt zu Menschen dieser Milieus, indem Sie Ihre Unternehmens-ziele und Dienstleistungen in den Horizont dieser Lebenswelten stellen.


  • Übertragen auf die Frage gelingender Kommunikation zwischen der katholischen Kirche mit Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten, bedeutet dies:

    Zu 1.: Bemühen Sie sich, die Lebenswelten zu verstehen
    Wie schaffen sich kirchliche Akteure systematisch Gelegenheiten, andere, ihnen fremde Lebenswelten besser wahrzunehmen? Wie gewinnen sie Interesse und Freude daran, die Welten von Menschen kennenzulernen, deren Werte und Lebensziele, deren Sprache und Ästhetik „anders“ ist?
    Ein leitender Mitarbeiter eines Erzbistums äußerte sich dazu wie folgt: Eigentlich müsste ich meinem Erzbischof vorschlagen, seine Priester zu beauftragen, jeden Donnerstagabend in die Kneipen und zu den Treffpunkten in ihren Gemeinden zu gehen und mit den Menschen zu reden.
    Wie gewinnen die Verantwortlichen einer Gemeinde einen systematischen Überblick über die Lebenswelten in ihrem pastoralen Raum – und haben dabei nicht nur die Menschen im Blick, die sie in der Gemeinde (an)treffen, sondern auch die vielen katholisch Getauften, von denen sie bislang nur durch einen Blick in die von der Kommune erhaltenen Adressliste erfahren haben?
    Hier bietet die Arbeit mit den Microm-Milieukarten eine fundierte Möglichkeit, mehr zu erfahren über die Lebenswelten der Menschen im sozialen Raum der Pfarrgemeinde oder des Pastoralverbundes: Auf der Basis umfangreicher statistischer Verfahren bietet das Institut Karten an, die mit einer 75%igen Wahrscheinlichkeit die Milieuzugehörigkeiten von Menschen in einem definierten sozialen Raum dokumentieren. In einigen Bistümern und Pfarrgemeinden wird diese Form systematisierter Wahrnehmung bereits genutzt.

    Zu 2.: Biedern Sie sich nicht an
    Diese Empfehlung kann ohne weiteres übernommen werden von der Kirche und von ihrem pastoralen Personal.
    Zu fragen ist in diesem Zusammenhang nach den Lebenswelten und den Milieulogiken, in denen die pastoralen MitarbeiterInnen selbst beheimat sind. Die im Rahmen der Studientage inzwischen häufiger durchgeführten Selbstverortungen machen deutlich: Priester ordnen sich vor allem in den Milieus der Bürgerlichen Mitte und der Konservativen ein, seltener bei den Traditionsverwurzelten, den Postmateriellen und vereinzelt bei den Modernen Performern. Gemeinde- und PastoralreferentInnen verorten sich zu mehr als 80% bei den Postmateriellen und der Bürgerlichen Mitte. Die „jungen Milieus“ sind beim pastoralen Personal kam vertreten, eine Binnenkommunikation (z.B. von Experimentalist zu Experimentalist) kaum möglich.
    In den kommenden Jahren wird sich am Personaltableau der Priester und pastoralen MitarbeiterInnen wenig ändern. Von daher bestehen nur geringe Möglichkeiten, hauptberufliches Personal aus den für die Kirche weniger vertrauten Lebenswelten zu gewinnen, die eine milieuspezifische Binnenkommunikation pflegen können. So bleibt als eine zentrale Aufgabe, in Fort- und Weiterbildungsangeboten eine gelingende pastorale Kommunikation über Milieugrenzen hinweg zu qualifizieren.
    Dabei könnte den pastoralen Akteuren eine Fremdwahrnehmung der jungen Milieus zugute kommen: Für diese kommt die Kirche „aus einer anderen Welt“, und als solche „Botschafter aus einer anderen Welt“ mit einer „Botschaft, die nicht von dieser Welt ist“, werden kirchliche MitarbeiterInnen wahrgenommen und akzeptiert. Pastorale Akteure müssen qualifiziert werden, dass sie diese Fremdheit akzeptieren und aushalten, dass sie ihren Auftrag als Funktionsträger einer Kirche „aus einer anderen Welt“ erfüllen können.

    Zu 3. Stellen Sie Ihre Unternehmensziele und Dienstleistungen in den Horizont unterschiedlicher Lebenswelten
    In den Seminaren zur Arbeit mit den Sinus-Milieus fragen pastoralen Akteure häufig als erstes: Wie erreichen wir die unterschiedlichen Lebenswelten, wie müssen wir unsere pastoralen Angebote angesichts divergierender Lebenswelten differenzieren?
    Ohne diese Frage negieren zu wollen, scheint mir – auch unter dem Aspekt gelingender Kommunikation – eine andere Frage die zentralere zu sein: Wie kann die katholische Kirche von ihrem Auftrag her handeln angesichts der Pluralität unterschiedlicher Lebenswelten?
    Ein Blick auf die dazu passende Gegenfrage (Wie sehen die Milieus – vor allem die, die im Leben der Pfarrgemeinde am Rande stehen oder dort gar nicht vertreten sind – die katholischen Kirche, was erwarten sie von ihr?) zeigt m.E., dass es eine Konvergenz gibt zwischen dem Auftrag der Kirche und den Erwartungen vieler sozialer Milieus an die Kirche: Die Kommunikation kann gelingen, wenn die Kirche den „kirchenfernen Milieus“ ihr Anderssein, ihre Fremdheit anbietet, besser: zumutet. Die Kirche ist für viele Menschen nicht Teil des „normalen“ Alltags, sondern sie ist Trägerin einer Botschaft, verkörpert in einer Sprache und in Zeichen, die anders sind, die den Alltag unterbrechen.

    Die sozialwissenschaftlich fundierte Außenperspektive mit Hilfe des Analyseinstruments „Sinus-Milieus“ unterstützt die theologisch fundierte Binnenperspektive, so wie sie im Wort der Bischöfe „Missionarisch Kirche sein“ und in vielen Pastoralen Perspektiven der Bistümer formuliert worden ist. „Kirche in der Welt von heute“ ist kein „Auslaufmodell“. Sie ist für viele Menschen fremd, aber bedeutungsvoll.

    Hamm, 26.09.2006
    Thomas Becker
    [Artikel Nr.752 vom 21.06.2007, Autor mw]