Kirche und Leben Nr. 50 vom 13.12.1992: Offener Brief der Ibbenbürener Muslime an alle Christen

Offener Brief der Ibbenbürener Muslime an alle Christen

Liebe Christen!

Vielleicht sind Sie erstaunt, daß wir türkischen Moslems hier in Ibbenbüren Sie so anreden; haben doch die Christen und die Moslems sich in ihrer langen gemeinsamen Geschichte fast immer unfreundlich gegenüber gestanden. Die einen mißtrauten den anderen, es fehlte die gegenseitige Achtung voreinander und häufig gab es kriegerische Auseinandersetzungen. Da ist es nicht verwunderlich, daß wir Moslems aus der Türkei mit einer gewissen Angst nach Deutschland gekommen sind. Seit 30 Jahren leben viele von uns in diesem schönen Tecklenburger Land. Heute sind es etwa 100 türkische Familien.

Es war für uns am Anfang sehr schwer: eine fremde Sprache, die für uns nicht leicht erlernbar ist; die fremden Sitten, eine uns (wie wir damals glaubten) feindliche Religion; andere Feste und Feiertage; ein anderes Leben auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden; andere Eßgewohnheiten; eine uns fremde Verwaltung; ein anderes Schulsystem für unsere Kinder; ein anderes Verhältnis zwischen Männern und Frauen usw. Wir kamen uns fremd vor in diesem deutschen Wohlstandsland. Und doch sind wir hierher gekommen, weil Sie uns gerufen haben und weil wir in unserer türkischen Heimat keine genügende Arbeit finden konnten.

Seit 30 Jahren leben wir jetzt unter Ihnen. Inzwischen haben wir die Angst verloren, wenngleich auch wir die zunehmende Fremdenfeindlichkeit bemerken. Aber wir fühlen uns in Ibbenbüren schon fast wie zu Hause, auch wenn die Sehnsucht nach unserem schönen Heimatland mit den vielen Moscheen, den Minaretten und den täglichen Gebetsrufern in uns wach bleibt. Jedoch sprechen unsere Kinder inzwischen sehr gut Ihre Sprache und sie sehen in Ibbenbüren ihre Heimat.

Seit vielen Jahren erfahren wir von seiten der Stadtverwaltung und auch der christlichen Kirchen ein freundliches Entgegenkommen, auch den Versuch, uns zu verstehen und die Bereitschaft, uns zu helfen. Deshalb meinen wir, Sie alle mit „liebe Christen” ansprechen zu können.

Vor etwa 12 Jahren hat uns die Stadtverwaltung in Ibbenbüren in der Albert-Schweitzer-Schule Gebetsräume zur Verfügung gestellt. Wir sind dankbar dafür. Inzwischen haben wir ein eigenes Gebäude erworben: die frühere Gärtnerei Grothe an der Ledder Straße. Wir sind z.Z. dabei, dieses Gebäude zu einem türkischen Kulturzentrum mit einer „Moschee” für Männer und Frauen, mit Räumen für persönliche Begegnungen, besonders auch für unsere Jugend und Kinder umzugestalten. Dies geschieht mit Hilfe der Stadtverwaltung und der christlichen Kirchen.

Mit besonderer Freude haben wir dabei gespürt, daß unsere katholische Partnergemeinde St. Ludwig mit uns sehr freundlichen Kontakt aufgenommen hat. Uns kommt es vor, als gehörten wir jetzt ganz zu Ihnen, als brauchten wir nicht mehr nur wie am Rande von Ibbenbüren zu leben.

Noch vor Ihrem Weihnachtsfest können wir die neuen Räume an der Ledder Straße beziehen. Wir hoffen, Sie alle im kommenden Frühjahr zu einem Eröffnungsfest einladen zu können. Wir grüßen Sie alle freundlich und bitten für Sie um den Segen unseres gemeinsamen Gottes, den wir Muslime Allah nennen.

Veysel Yilmaz, Vorsitzender
Burhaneltin Bulut, Imam
[Artikel Nr.224 vom 30.01.2006, Autor mw]