Pfarrfest für Muslime (Datei 326)

Zeitschrift Diakonia: PFARRFEST FÜR DIE MOSCHEE

Pfarrfest für die Moschee
Eine Pfarrgemeinde sucht den Kontakt zu ihren muslimischen Mitbürgern

aus: Diakonia 25. 1994, 2, 130-132

Eigentlich sollte das, wovon hier berichtet wird, eine Selbstverständlichkeit sein. Wie weit wir davon entfernt sind, zeigt der Medienrummel rund um dieses "kleine Zeichen". red

Ibbenbüren liegt am Nordwestrand des Teutoburger Waldes, nördlich der Bischofsstadt Münster. Die Stadt hat knapp 50.000 Einwohner und ist nicht unerheblich vom Bergbau geprägt, der direkt etwa 4.000 Beschäftigten einen Arbeitsplatz sichert. Für die harte Arbeit in inzwischen bis zu 1.500 m Tiefe wurden in den 60er Jahren zahlreiche Gastarbeiter geworben, hauptsächlich aus der Türkei. Andere haben ihr Auskommen im Hoch- und Tiefbau. Sie sind fast ausschließlich islamischen Glaubens.

Muslime in Ibbenbüren
Bereits Anfang der 70er Jahre stellte die Stadt den Muslimen Räumlichkeiten in einer Grundschule als "Kultur- und Gebetszentrum" (Moschee) zur Verfügung. Dies geschah unter maßgeblicher Vermittlung der katholischen und evangelischen Gemeinden, die damals auch die ersten Gebetsteppiche stifteten. Im Laufe der Jahre wurden die Räume zu klein. Es bildete sich die "Türkisch-Islamische Union e.V.", die mit Eigenleistungen der etwa 100 türkischen Familien ein eigenes Haus kaufen und umbauen konnte. Neben den Gebets- und Versammlungsräumen befindet sich hier auch die Wohnung des Imams mit Familie und ein auch von der deutschen Bevölkerung gut angenommenes Geschäft mit türkischen "Spezialitäten". Im Februar 1993 wurde die neue Moschee in Gebrauch genommen. (1)
Von Anfang an fanden die Muslimen, alle einfache Arbeiter, einen Fürsprecher und "Promotor" in dem damaligen Berufsschul- und jetzigen Krankenhauspfarrer Klemens Niermann. Er half, zahlreiche Querverbindungen zum öffentlichen und kirchlichen Leben zu knüpfen und das "Thema" in den katholischen Gemeinden wachzuhalten. In dieser jahrelangen Beziehung ist gegenseitiges Vertrauen gewachsen, das eine gute Basis für neue Kontakte bildete. (2)
Durch den Umzug in die neue Moschee wechselten die Muslime in den "Zuständigkeitsbereich" unserer Pfarrgemeinde. St.Ludwig ist mit 4.500 Katholiken eine mittelgroße Pfarrei, die seit 40 Jahren eine Art Klammer zwischen den Städtern und den Landleuten bildet. Sie hat in den letzten 25 Jahren einen bewußten Prozeß der "gemeinsamen Suche" (3) eingeübt und ist gewohnt, Neues anzudenken und zu beginnen.

Der Moscheebau als Auslöser
Ende 1991 erhält der neugewählte Vorsitzende der "Türkisch-Islamischen Union" die Möglichkeit, in der "Ibbenbürener Volkszeitung" "Ein Wort zum Sonntag" zu schreiben. Dies war bislang die Domäne der katholischen und evangelischen Christen. Hierin erfährt die Öffentlichkeit zum ersten Mal über die Absicht der muslimischen Gemeinde, in Eigenregie eine neue Moschee zu bauen.
Im Januar 1992 (4) kommt in den Gremien zum ersten Mal konkret die Frage auf: "Wie stehen wir zu den Türken und Muslimen, die im Bereich unserer Pfarrgemeinde eine Moschee errichten wollen?" Dem Pfarrgemeinderat (PGR) wird schnell klar: Wenn wir in dieser Phase des Moschee-Baus den Kontakt zur muslimischen Gemeinde intensivieren wollen, kommen wir an der Frage einer (vielleicht auch nur symbolischen) Mitfinanzierung nicht vorbei.
Nach einem viermonatigen Informations- und Klärungsprozeß, in dem alle Gruppen der Gemeinde einbezogen werden, beschließen PGR und Kirchenvorstand (KV) schließlich, ein Viertel des Pfarrfesterlöses "soll der islamischen Gemeinde für den Bau der Moschee zur Verfügung gestellt werden" . (5)
Erst nach dieser grundsätzlichen internen Klärung, und das scheint uns bemerkenswert zu sein, kommt es zu Bemühungen, inhaltlich und persönlich einen Schritt weiterzukommen. PGR und KV werden in die alte Moschee eingeladen; der Vorstand der türkisch-islamischen Union besucht die Kirche und das Pfarrzentrum. Alle Aktivitäten werden durch die örtliche Presse intensiv und positiv aufgegriffen.


Die Phase der öffentlichen Auseinandersetzung und Rechtfertigung
Die Angelegenheit kommt in eine zweite Phase, als die Bischöfliche Pressestelle und die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) eine Kurzmeldung "Pfarrgemeinde hilft Muslimen" bundesweit verbreiten. "Missio aktuell", die auflagenstarke Mitgliederzeitschrift des internationalen katholischen Missionswerkes (6) , greift das Thema in Form eines Telefoninterviews (7) auf. Seine Veröffentlichung ruft bei Missio Aachen wie kaum jemals zuvor eine Flut von aufgebrachten Leserbriefreaktionen hervor, sodaß sich das Blatt genötigt sieht, in drei Folgenummern teils mehrseitig darüber zu berichten (8). Auch die Pfarrgemeinde wird mit zum Teil widerwärtigen und anonymen Briefen überschüttet. Tenor: Menschlicher Kontakt und Toleranz ist gut; aber wie können Christen ausrechnet dem Erzfeind Islam, der in vielen Ländern das Christentum unterdrückt, Geld für den Bau einer Moschee geben?
Die Gemeinde, in der bislang ruhig, ausgiebig und ausgewogen diskutiert worden ist, ist geschockt: "Wir wollten doch nur ein kleines Zeichen setzen!" Es kommt zu zahlreichen Pressekonferenzen, Rundfunk- und Fernsehberichten. Dieser Öffentlichkeits- und Mediendruck zwingt noch stärker zur Reflexion einer Aktion, die eigentlich ausdiskutiert schien. Der inzwischen emeritierte Münsteraner Religionswissenschaftler und Islam-Kenner Adel Theodor Khoury (9) steht unter großem Interesse einen Abend zum Gespräch zur Verfügung. Einen Tag nach den schrecklichen Anschlägen auf Türken in Solingen (10) besuchen wir das Morgengebet der muslimischen Gemeinde. Der PGR verfaßt einen Brief: "Wir möchten Ihnen unsere herzliche Anteilnahme an Ihrer Trauer aussprechen. Unsere beiden Gemeinden haben begonnen, behutsam aufeinander zuzugehen, um sich gegenseitig besser zu verstehen. Wir haben berechtigte Hoffnung, daß unser gemeinsames Unternehmen für die Zukunft trotz widriger Umstände Bestand hat". Drei Monate nach der Eröffnung besucht auch Regionalbischof Alfons Demming die Moschee und überreicht dabei ein Geldgeschenk! Zusammen mit dem Imam betet er die erste Sure des Korans: "Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Lob sei Gott, dem Herrn der Welten, dem Erbarmer, dem Barmherzigen...".(11)

Wir sind uns nähergekommen
Gut zwei Jahre nach Beginn der Kontakte mit unseren muslimischen Mitbürgern ist gleichermaßen Befriedigung und Ernüchterung eingekehrt. Vieles haben wir angestoßen und (teilweise mühsam!) gelernt, vieles ist noch nicht aufgearbeitet.
Die wichtigste Erfahrung und Ermutigung war: Trotz allem, was an Schlechtem in der Welt zwischen Christen und Muslimen passiert, müssen und dürfen wir wagen, unseren muslimischen Nachbarn vorurteilsfrei so zu begegnen, wie wir sie persönlich erleben. Das ist unsere lokale, überschaubare und damit auch verantwortbare Stärke!
Beim Geld hört für Viele der Spaß (die Nächstenliebe) auf! Aber gerade durch unseren kleinen, mehr symbolischen Betrag haben wir etwas bewegt. Vielleicht erzählen die Türken davon Zuhause, damit auch dort etwas in Bewegung kommt...
Die Auseinandersetzung mit einer anderen Religion und Kultur zwingt, den eigenen Glauben, das scheinbar Selbstverständliche (da mehrheitlich sanktioniert und selten in Frage gestellt) zu reflektieren, in Worte zu fassen und auch für "Fremde" verständlich zu begründen. Sie schärft damit die eigene Identität in einer pluralistischen Gesellschaft.
Nach 25 Jahren war es an der Zeit, die türkischen Mitbürger(innen) nicht nur als unscheinbare Nachbarn, sondern auch etwas von ihren Freuden und Sorgen wahrzunehmen. In einer für Ausländer in Deutschland immer schwieriger werdenden Zeit haben die Kontakte die gemäßigten Gruppen gestärkt und nach außen Solidarität vermittelt: "Wer unseren Freunden etwas antut, bekommt es auch mit uns zu tun!"

Es hat im Kontakt untereinander auch Probleme und Mißverständnisse gegeben.
Unsere engagierten Frauen tun sich mittlerweile schwer damit, in den gemeinsamen Zusammenkünften nur die muslimischen Männer zu treffen. Die Frauen müssen in den eher konservativ eingestellten Familien auch nach jahrzehntelanger "Integration" immer noch Zuhause bleiben. Sie können sich folglich auch nicht ausreichend gut in der deutschen Sprache ausdrücken. Allerdings haben unsere freundlichen Bitten in dieser Richtung inzwischen eine andauernde Diskussion in der türkisch-islamischen Gemeinde ausgelöst.
Das "Bildungsgefälle" zwischen den Gemeinden macht bisweilen Probleme. Viele Türken trauen sich nicht, als einfache und der deutschen Sprache nicht ganz mächtige Arbeiter mit den "gebildeten" Deutschen ausgiebig zu sprechen, geschweige denn sich über theologische Fragen auszutauschen.
Für eine kleine Minderheit der Türken ist der Vorstand der "Türkisch-Islamischen Union" zu "christenfreundlich" und (ganz bewußt, was unsere Beziehungen enorm erleichtert hat) unpolitisch. Sie haben sich abgespalten und würden am liebsten einen eigenen Verein gründen. Wir müssen aufpassen, daß unsere Kontakte die relativ kleine Gruppe der Muslimen nicht erdrückt. Als z.B. die Moschee eingeweiht wurde, befanden sich mehr Christen als Muslime im Raum!
Selbst nach so langer Zeit in Deutschland kommen die Türken zur Zeit unvorbereitet in eine gänzlich neue Situation, von der sie vor zwanzig Jahren noch nicht einmal geträumt hätten: Viele stehen vor der Pensionierung. Ihre Kinder sind hier geboren und aufgewachsen; keines von ihnen will wieder, wie es die Eltern immer geplant hatten, in die "Heimat" zurück. (12) Das äußert sich u.a. darin, daß sie nun um einen eigenen Bereich auf dem städtischen Friedhof bitten - bislang wurden alle Toten in die Heimat überführt. Für manche Deutsche ist dies eine überholte Zumutung; andere sehen darin das wertvolle Signal einer weitergehenden "Integration".

Martin Weber

Anmerkungen:
(1) Auch die Teppiche in der neuen Moschee wurden von den katholischen Pfarrgemeinden des Pfarrverbandes Ibbenbüren und von der evangelischen Kirchengemeinde Ibbenbüren gestiftet.
(2) In einem Interview der Osnabrücker Kirchenzeitung wurde Imam Burhaneltin Bulut gefragt, ob er deutsche Freunde habe. Er antwortete: "Pastor Klemens Niermann ist mein Freund", aus: Kirchenbote Nr. 28/12.7.1992, S. 3
(3) Vgl. Bernhard Honsel, "Der rote Punkt". Eine Gemeinde unterwegs, Düsseldorf 1985, 162
(4) Hilfreich war, daß die Gruppen der "Deutschen Pfadfinderschaft St.Georg" (DPSG) zeitgleich ihre bundesweite "Aktion flinke Hände, flinke Füße 1992 ... für Versöhnung im Libanon" begannen. Diese sah den Kontakt zum "Bund moslemischer Pfadfinder Deutschland" (BMPD) vor. Materialien sind erhältlich bei der DPSG, Martinstraße 2, D-41472 Neuss-Holzheim, Tel. (02131) 4699-0.
(5) Am Ende sind dies 2.050,- DM. Die Türken haben sich übrigens am Pfarrfest durch einen Döner-Kebab-Stand beteiligt.
(6) 800.000 Exemplare
(7) Das Telefoninterview zwischen Martin Weber und Chefredakteur Toni Götz, in: Missio aktuell 5/1992, S. 6; mehrseitige "Hintergründe" in Heft 1/1993, S. 14ff. "Nur wer Vertrauen sät..."
(8) Es kommt zu Abbestellungen. Eine Missio-Mitarbeiterin: "Was denken sich die Leute nur, welches Missionsverständnis wir haben?"
(9) Aus der Fülle seiner Veröffentlichungen die letzten Bücher zum Thema: Der Islam - sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch, Freiburg 1992; Wer war Muhammad? Lebensgeschichte und prophetischer Anspruch, Freiburg 1990; Was ist los in der islamischen Welt?, Freiburg 1991; Der Islam kommt uns näher. Worauf müssen wir uns einstellen?, Freiburg 1992; Islamlexikon, 3 Bde, Freiburg 1991
(10) Pfingsten 1993 wurden bei einem Brandanschlag in Solingen drei türkische Mitbürger getötet.
(11) Zitiert nach der vom islamischen Weltkongreß autorisierten Übersetzung von Adel Theodor Khoury, Der Koran, Güterloh 1987
(12) In einem "Wort zum Sonntag" schrieb der Vorsitzende der "Türkisch-Islamischen Union", Veysel Yilmaz, am 28.12.1991 in der "Ibbenbürener Volkszeitung": "Inzwischen haben fast alle Türken ihre Familienangehörigen nachkommen lassen. Die meisten unserer Kinder sind schon hier geboren. Wir können und wollen nicht mehr in die Türkei zurück, obwohl wir oft großes Heimweh haben und traurig sind. Unsere Kinder entfremden sich immer mehr dem türkischen Heimatland und seinen Gebräuchen, und hier im christlichen Deutschland finden sie noch immer keinen guten Anschluß an die deutschen Jugendlichen und deutsche Lebensweise."
[Artikel Nr.222 vom 30.01.2006, Autor mw]