Rupprecht Geiger: Der Künster hinter dem Ding (dem Roten Punkt)

"Rot macht high!"
Rupprecht Geiger stellt den Roten Punkt neu her


"Immer mußt du zuerst das Rot sehen als das, was aufleuchtet, sich signalisiert. Rot ist die Farbe mit der größten Potenz und Ausstrahlung. Rot macht high...". Rupprecht Geiger ist mit der Zeit ein "Roter" geworden. Die Rezensionen seiner Kunst greifen das gerne hervor: Rot als Erfüllung; Ein Mann sieht rot; Markenzeichen Rot. Der "Farbforscher" Geiger kam über die Farbe zum Rot: auf der Suche, die Farbe selbst ins Bild zu setzen, ohne Form. "Eine Farbe allein muß dem Wunsch nach Form Genüge tun können". In diesem Sinne wurde er schon früh zum Radikalisten: Farbe als eigenständige Kraft, freie visuelle Phänomene, Kreis/Oval oder Rechteck lediglich als archetypische Hilfsmittel, Kompromißformeln. "Wie kaum ein anderer Künstler hat Rupprecht Geiger den von Matisse eingeleiteten Selbstverwirklichungsprozeß der Farbe weitergetrieben mit einer ans Rücksichtslose grenzenden Eindeutigkeit und auch Entschiedenheit" (Dieter Honisch).

Indem Geiger versuchte, die Farbe von der Form zu befreien und sie selbst zum einzigen Inhalt des Bildes zu machen, begab er sich durch das sichtbare Bild auf die Suche nach jener unsichtbaren Wahrheit, "deren Glanz die Welt durchdringt", wie es in einem ottonischen Kodex Kölner Herkunft heißt. Das ist der Verknüpfungspunkt zu einer religiösen Dimension. Man spürt seine Bilder, auch wenn man ihnen den Rücken zukehrt...

Die Farbe liegt Rupprecht Geiger schon im Blut, als er 1908 als Sohn des Malers Willi Geiger in München geboren wird. Die Eindrücke als Vierzehnjähriger während Reisen mit seinen Eltern nach Spanien, Marokko und den Kanarischen Inseln haben ihn mit ihrem "Farbenmeer" bereits geprägt. Er studiert in München und ist zunächst als Architekt tätig. 1940 wird er zum Kriegsdienst, drei Jahre später als Kriegsmaler in die Ukraine, später nach Griechenland eingezogen. Nach dem Krieg gründet er zusammen mit einigen während der Nazizeit verfemten Malern die Gruppe ZEN 49, die zu einem Neuaufbruch in der Malerei aufruft: "Man hat es sich zur Gewohnheit gemacht, der äußeren Erscheinung der Dinge zu große Wichtigkeit beizumessen". Er arbeitet zunächst noch als Architekt, wird dann aber 1965 über zehn Jahre lang bis zu seiner Pensionierung Professor für Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, dessen Ehrenmitglied er später wird. 1971 schafft er das "Gerundete Rot" in St.Ludwig, 1995 das "Rote Rechteck" im Caritas-Altenhaus. Auf den Monat genau nach 25 Jahren wird er den "Roten Punkt" in St.Ludwig wieder neu herstellen.

Nach der Renovierung 1971 orakelte Rupprecht Geiger: "Die Gemeinde wird nach dem ersten Schock ihre Skepsis mehr und mehr verlieren. Sie wird einen Zugang suchen und gewinnen. Sie wird schließlich, am Ende eines lebendigen Prozesses, diese Kirche wieder als ihre Kirche bejahen und annehmen". Das ist im Laufe der letzten 25 Jahre geschehen - vielleicht sogar mit zu großer statischer Bindung an das neue Identifikationssymbol. Es wird Rupprecht Geiger zu danken sein, daß er mit der "Neu-Herstellung" wieder etwas Bewegung in das "Ding" bringt.

Martin Weber, Pastor



Rupprecht Geiger
Vollender der Moderne

Lebenslauf


• 26.1.1908 in München geboren, Sohn des Malers Willi Geiger
• 1926-1929 Architekturstudium an der Kunstgewerbeschule München bei Eduard Pfeiffer; Studienreisen
• 1930-1932 Maurerlehre
• 1933-1935 Studium an der Staatsbauschule München
• 1936-1940 Arbeit in einem Architekturbüro
• 1940-1944 Kriegsdienst; bis 1943 Kriegsmaler in der Ukraine, danach bis 1944 in Griechenland
• 1947 Begegnung mit John Anthony Thwaites, dem damaligen britischen Konsul in München, der die erste Anregung zur GRündung der Gruppe ZEN 49 gab
• 1948 Erste abstrakte Bilder und Beginn der Reihe von trapez- und hakenförmigen Formaten
• 1949 Gründung der Gruppe ZEN 49 zusammen mit Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Willi Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff und Fritz Winter
• 1949-1962 Tätigkeit als selbständiger Architekt zusammen mit seiner Frau Monika Geiger
• 1951 Domnick-Preis
• 1958 Preis der Internationalen Triennale für Farbgrafik in Grenchen, Schweiz
• 1962 Beginn der monochrom modulierten Farbfelder
• 1965-1976 Professor für Malerei an der Staatlichen Kunstakademie, Düsseldorf
• 1970 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin; Burda-Preis
• 1971 Der Rote Punkt in St.Ludwig Ibbenbüren entsteht
• 1979 Ehrenmitglied der Kunstakademie Düsseldorf
• 1982 Professor an der Sommerakademie in Salzburg
• 1982-1983 Mitglied der Baukunstkommission München
• 1983 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München
• 1986 Goldmedaille der Internationalen Graphik-Biennale Fredrikstad, Norwegen
• 1988 Kunstpreis Berlin
• 1995 Das Rote Rechteck im Caritas-Altenwohnhaus Ibbenbüren entsteht
• 1996 Der "Rote Punkt in St. Ludwig Ibbenbüren wird neu hergestellt

lebt und arbeitet in München



Das Christentum hat schon sehr früh der Kunst die Türen geöffnet. In der christlichen Religion geht es darum, den Menschen offen zu machen für die verborgene Wirklichkeit Gottes. Die Künstler versuchen auf ihre Weise mit ihrem Medium, ob Musik, Sprache, Farbe oder Architektur, nicht nur die Wirklichkeit, wie wir sie mit unseren Augen sehen, unseren Ohren hören, darzustellen, sondern sie versuchen, die Wirklichkeit transparent, durchsichtig zu machen für das hinter ihr liegende, vorborgene, unsichtbare Sein, das wir Christen "Gott" nennen. Die Künstler haben eine besondere Sensibilität für die Zeichen der Zeit. Viele große Künstler wurden von ihren Zeitgenossen kaum verstanden, ja sogar abgelehnt. Ihre Art, das Transzendente auszudrücken, ist der Erkenntnis der Theologen oft weit voraus. Daher ist es wichtig, daß die Kirche zu jeder Zeit neu mit den Künstlern der Zeit im Dialog bleibt.

Eine der wichtigsten Künstler der westdeutschen Kunstszene nach dem Kriege ist Rupprecht Geiger. Die Süddeutsche Zeitung schrieb anläßlich seines 80. Geburtstages: "In Geigers malerischem Werk ist Kunst der Erkenntnis des Unsichtbaren so nahe wie bei keinem anderen Maler."

Geiger ist Maler und Architekt. Er entwickelt seine Werke aus der Architektur und bezieht den Raum mit ein wie beim Roten Punkt in St.Ludwig und dem Roten Rechteck im Caritas-Wohnhaus Ibbenbüren. Die Farbe wirkt andererseits wieder in den Raum hinein.

Geigers Kunst wurzelt in Naurerlebnissen, die ihm während des zweiten Weltkrieges in Griechenland, in der unendlichen Weite der russischen Landschaft und später in Marokko zuteil wurden. Er hat sein Feuer und die Lichtereignisse in seinen Bildern von der Sonne ausgedrückt. Immer war in Geigers Bildern das Licht die bestimmende Kraft; immer siegt das Helle über das Dunkle.

Geiger hat wie kaum ein anderer eine Grundlage jeder Art von Malerei formuliert: Die Auseinandersetzung mit der Farbe. An seiner Maxime, daß die Farbe allein das wichtigste Element der Malerei ist, kann letztlich keiner vorbei, ganz besonders, weil er die Farbe als Mittel unserer Zeit aufgefaßt hat. Ob als schriller Schrei oder meditative Räumlichkeit: Das Rot Geigers ist ein Alarmzeichen der Gegenwart.

In den letzten 20 Jahren ist die Farbe Rot zur nahezu einzigen Farbe in Geigers Werken geworden. Das Rot wird auch im Alltag (Verkehr, Industrie) als Signal ganz unbelastet verwendet. Geiger hat uns das Rot in seinen Bildern neu geschenkt. Im Spätwerk Geigers ist das Rot die Farbe, ist die Farbe das Bild, ist das Bild der Raum, das Licht in der Zeit.

Geiger selbst sagt: "Farbe hat wie Licht Anspruch, in die Reihe der Elemente eingestuft zu werden - Feuer, Wasser, Luft, Farbe, Licht und Erde."

Das Geigersche Rot steht immer für Kunst, Schönheit und Maß, für Licht, Kraft und Wärme. Es mag mittelbar für die, "welche es sehen", auch auf den Schöpfer des Lichts, der Welt und des Menschen hinweisen, aber unmittelbar wirkt es in der täglichen Begegnung nicht als Evangelium, sondern als Zeichen geistiger Potenz.

"Geiger gehört zu den großen Vollendern der Moderne" (Süddeutsche Zeitung)

Bernhard Honsel
[Artikel Nr.176 vom 06.01.2006, Autor mw]