Abschied vom Kinderdorf

Seit Anfang Oktober 2004 lebt und arbeitet Christiane Stroth aus Brochterbeck im Kinderdorf in Irati, Brasilien. Ihr Einsatz dort geht nun zu Ende. Zwei Wochen vor ihrer Heimkehr schrieb sie folgenden Brief:

Meine Zeit - eine unglaublich tolle Zeit - hier in der Cidade da Crianca ist jetzt fast vorbei. Mir bleiben nur noch zwei Wochen mit "meinen" Kindern. Zwei Wochen, in denen ich zum letzten Mal Blockflöten- und Englischunterrricht gebe, den Kindern bei den Hausaufgaben helfe, mit den großen Mädchen Tischdecken besticke, die dann später in Deutschland verkauft werden, zum letzten Mal mit den Kindern male, tanze, Ball spiele, Geschichten lese und sie abends in den Häusern besuche und Novelas mit ihnen gucke.

Zum letzten Mal werde ich Sirlei beim "Projeto" helfen, in dem zweimal wöchentlich Kinder aus der an das Kinderdorf grenzenden Favela kommen, und wir mit ihnen tanzen, singen, basteln, kochen, malen, spielen, lernen . . . .

Nicht nur die Kinder habe ich unglaublich gern gewonnen, auch die drei Schwestern, die Lehrerin Sirlei, die Hauseltern, die Köchin, den Busfahrer und alle anderen, die hier arbeiten, habe ich ins Herz geschlossen!

Ich werde die Abende vermissen, die ich zusammen mit den Schwestern verbracht habe, ein bisschen Deutsch mit ihnen geübt habe, Musik mit ihnen gemacht habe oder mich einfach richtig gut mit ihnen unterhalten habe. Ich werde es vermissen, mit allen zusammen Mittag zu essen und Kaffee zu trinken, zu quatschen und zu lachen und abends mit den Hausmüttern "Chimarrao" zu trinken.

Hier im Kinderdorf sind alle ein große Familie, zu der ich für einige Monate gehören durfte, und in der ich mich unglaublich wohl gefühlt habe.

Für Heimweh war wirklich nie Zeit, weil es hier immer etwas zu tun gibt! Gurken einmachen für Weihnachten und auch schon für Ostern basteln, in der Küche helfen, aufräumen, putzen . . . . - vor allem die Schwestern arbeiten viel zu viel. Es gibt wirklich immer eine Schwierigkeit, die zu lösen ist.

Jeder von uns in Deutschland weiß von Problemen wie Armut, Hunger, Gewalt auf dieser Welt, aber ich jedenfalls konnte sie nie richtig begreifen und realisieren. Ich glaube jetzt, nachdem ich das alles hier gesehen habe, begreife ich ein bisschen mehr.

Allerdings ist es mir fast unmöglich, mir die grausamen Dinge vorzustellen, die die Kinder hier schon durchgemacht haben, wenn ich sie lachen und spielen sehe.

Aber dass die Kinder hier glücklich sind und dass es ihnen gut geht, ist das Ergebnis der Arbeit, die die Schwestern, alle anderen hier und Menschen wie Eva und die Mitglieder des Vereins "Kinderdorf Irati e. V." in Deutschland machen.

Eine Idee für die Zukunft ist, die Arbeit im "Projeto" auszuweiten und ein größere Anzahl Kinder aus der Favela mehrmals wöchentlich einzuladen. Um das realisieren zu können, wird noch eine Menge Hilfe aus Deutschland auch in Zukunft nötig sein.
[Artikel Nr.116 vom 06.01.2006, Autor khe]